Allgemeines Wahlrecht, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Straffreiheit bei Schwangerschaftsabbruch oder Mutter- und Kinderschutz: das waren nur einige der Forderungen, die Frauen aus aller Welt, auch in Wien, am 19. März 1911 auf die Straße gehen ließen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Über 100 Jahre später sind viele der Forderungen zwar eingelöst, andere jedoch warten immer noch auf ihre Umsetzung, neue sind mittlerweile hinzugekommen. So verdienen Frauen in Österreich auch heute noch für die gleiche Arbeit weniger als ihre männlichen Kollegen (2021 fiel der Equal Pay Day auf den 21. Februar. Bis dahin haben Frauen „gratis gearbeitet“). Und auch in Führungspositionen sind Frauen auch heute oft deutlich unterrepräsentiert. Sieht man sich beispielsweise die Zahlen einer 2020 vom Beratungsunternehmen EY herausgegebenen Studie an, stehen 191 Männern in den Vorständen börsennotierter Unternehmen in Österreich aktuell nur 14 Frauen gegenüber. Wenig geändert hat sich auch im Bereich der unbezahlten Arbeit wie Haus-, Pflege- und Fürsorgearbeit. Diese wird auch heute noch vermehrt von Frauen geleistet. Castingshows ziehen in der x-ten Auflage ungeniert Kapital aus dem Körper der Frau, Cybermobbing und Social Media basiertes Bodyshaming sind vor allem für Mädchen und junge Frauen ein nicht zu unterschätzendes Problem. Ganz abgesehen davon, dass nach wie vor weltweit Millionen von Frauen und Mädchen in die Prostitution gezwungen werden.

Backlash aufgrund von Corona

Ungünstig wirkt sich aktuell zudem die Coranakrise besonders für viele Frauen aus. Sie zählen verstärkt zu den Verliererinnen der Krise, damit steigt auch die Armutsgefährdung von vor allem Alleinerzieherinnen stark an. Wirft man einen Blick auf die Arbeitslosenzahlen in Österreich, so fällt auf, dass 55.000 Frauen und rund 9.400 Männer während des ersten Lockdowns ihren Job verloren haben. Ebenfalls im Steigen ist die häusliche Gewalt. Laut einer Erhebung der „Agentur der Europäischen Union für Grundrechte“ ist jede fünfte Frau ab ihrem 15. Lebensjahr körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Alleine im Jahr 2019 (also noch vor Corona) wurden 19.943 Opfer familiärer Gewalt von den Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen betreut. Rund 83% der unterstützten KlientInnen waren Frauen und Mädchen, ca. 90% der Gefährder waren männlich, heißt es von Seiten der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie (Tätigkeitsbericht 2019).

Seit Jahren im Steigen sind auch in Österreich Femizide, die zumeist von (Ex-)Partnern oder Familienmitgliedern verübt werden (2019 wurden 39 Frauen ermordet). Derweil könnten Morde und gewalttätige Übergriffe verhindert werden, ist man bei der Allianz „Gewaltfrei leben“ – ein Zusammenschluss von über 30 österreichischen Zivilgesellschaftsorganisationen und Opferschutzeinrichtungen – überzeugt. Gefordert wird ein Budget von 210 Millionen Euro jährlich für Gewaltschutz und Gleichstellungsmaßnahmen. Derzeit liegt das Budget im Frauenministerium bei knapp 10 Millionen.
Doch Gewalt gegen Frauen macht auch während der Coronakrise nicht halt, sondern dürfte im Gegenteil zu einer Verschärfung der Situation führen. Eine erste auf der Seite der „autonomen österreichischen Frauenhäusern“ vorgestellte Umfrage zu häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie in Deutschland „zeigt auf, dass rund 3 Prozent der Frauen während der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen zu Hause Opfer körperlicher Gewalt wurden. 3,6 Prozent der Frauen wurden von ihrem Partner vergewaltigt. In 6,5 Prozent aller Haushalte wurde Gewalt gegen Kinder verübt. Deutlich noch höher lagen die Zahlen wenn die Frauen in Quarantäne waren oder die Familien finanzielle Sorgen hatte. Nur ein sehr kleiner Teil der betroffenen Frauen nutzte die vorhandenen Hilfsangebote.“

Die Lage ist angespannt

Dass sich der bei vielen Vereinen bemerkte Anstieg von Gewalt beispielsweise nicht in vermehrten Polizeimeldungen spiegelt, sieht Hannah Gasser, Obfrau des Vereins Footprint, Betreuung, Freiraum & Integration für Betroffene von Frauenhandel und Gewalt, vor allem darin begründet, dass durch den Lockdown viele Stellen wegfallen, über die häufig Meldung gemacht werden. Bei Footprint sei es im Gegensatz in letzter Zeit vermehrt zu Anfragen gekommen – „beispielsweise von Frauen, die uns gefragt haben, ob ihre Freundin auch kommen kann, da sich die Lage dort gerade zuspitzt“, betont Gasser.

Ein aktuelles Problem stellt die derzeitige Lage auch für jene Frauen dar, die in ihrer Traumatherapie schon weiter fortgeschritten sind. „Diese fallen durch die derzeitige Situation oft um Monate oder gar Jahre zurück“, weiß Gasser. „Das System, dass sich alle, die zu uns in die Beratungsstelle kommen wollen, vorher anmelden müssen, wirft unseren niederschwelligen Zugang über den Haufen. Gerade diese Niederschwelligkeit ist aber das, was unsere Zielgruppe in besonderem Maße braucht.“ Ein weiteres Problem mit dem Vereine wie Footprint derzeit zu kämpfen haben, ist, dass Workshops zur Sensibilisierung für das Thema derzeit nicht stattfinden können. Ein geplantes Projekt in Schulen, bei dem es darum ging, Schülerinnen und Schüler verstärkt auf das Thema aufmerksam und handlungsaktiv zu machen, musste beispielsweise abgesagt werden. Die Folgen fehlender Präventionsarbeit werden erst in der Zukunft zu spüren sein.

Angespannt ist derzeit auch die finanzielle Lage für Opferschutzeinrichtungen und Beratungsstellen wie Footprint. „Wir sind generell von Spenden abhängig. Wir haben keine Basisförderung, sondern finanzieren uns über Projekte. Zurzeit geht vieles noch langsamer als davor. Das ist gerade für eine Zielgruppe, bei der es keine Zeit zu verlieren gilt problematisch. Ein großes Problem stellt für uns auch der Verlust jenes Geldes dar, das im Normalfall durch Charity-Veranstaltungen herein kommt. Vor allem die Veranstaltungen, die vor Weihnachten ausgefallen sind, haben ein riesiges Loch im Budget hinterlassen, das mit Online-Spenden nicht zu schließen ist“, so Gasser. Viele der Frauen beim Verein arbeiten ehrenamtlich oder sind derzeit arbeitslos. Weitergemacht wird trotzdem – solange es geht.

Wechselvolle Geschichte

Seine Geburtsstunde erlebte der Frauentag bei der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen, als die deutsche Sozialistin Clara Zetkin die Schaffung eines solchen vorschlug. Am 19. März 1911 folgte die erstmalige Umsetzung, als Hunderttausende von Frauen europaweit auf die Straße gingen, um für ihre Rechte zu demonstrieren, allen voran das Wahlrecht – aber auch die Verhinderung des Ersten Weltkrieges, der sein Erscheinen bereits am Horizont ankündigte, war den Frauen ein Anliegen. Im Rahmen der Ehrung der Rolle der Frau bei der russischen Februar-Revolution erhielt der Frauentag schließlich mit dem 8. März ein fixes Datum, das später auch im Westen übernommen wurde – natürlich nicht ohne Diskussionen hervorzurufen.

Doch ob am 8. oder 19. März, der Frauentag bietet für viele Institutionen eine Gelegenheit Diskussionen loszutreten und mit einer Reihe von Veranstaltungen die Leistungen von Frauen in den Fokus zu rücken und auf Missstände aufmerksam zu machen.

Jedes Jahr gibt es auch im Wiener Rathaus am 8. März ein umfangreiches Programm. Heuer wird dieses aufgrund der aktuellen COVID-19-Situation in Form von virtuellen Veranstaltungen über die Bildschirme gehen.
https://frauentag.wien.gv.at/

Anlässlich des Internationalen Frauentages finden an der Universität Wien ein Filmscreening und eine Paneldiskussion zu den Erfolgen von und Herausforderungen für Frauen in der Wissenschaft statt. Mit einer Beitragsreihe wird zudem versucht, Mythen rund um Gleichstellung und Diversität aufzubrechen.
https://wochem.univie.ac.at/int-womens-day-2021/

Obwohl Frauen Österreich beweg(t)en werden ihre vielfältigen Leistungen nach wie vor viel zu wenig gesehen. Das Haus der Geschichte Österreich (hdgö) stellt Frauen ins Rampenlicht und beleuchtet mit dem neuen Themenschwerpunkt „Heimat großer Töchter“ bekannte und weniger bekannte Frauen. In einer laufend wachsenden Web-Ausstellung lädt das hdgö alle dazu ein, gemeinsam weitere inspirierende Frauen sichtbar zu machen.
www.hdgoe.at

Das KUNST HAUS WIEN begeht den internationalen Weltfrauentag mit dem Fotoprojekt feminist. Die porträtierten Feministen* stehen alle in Verbindung zum KUNST HAUS WIEN. Am 8. März werden die Porträts auf den digitalen Kommunikationskanälen des KUNST HAUS WIEN veröffentlicht. Die Ausstellungen im KUNST HAUS WIEN können am Internationalen Frauentag bei freiwilliger Spende besucht werden. Das Geld kommt dem Projekt JUVIVO.21 zugute.
https://www.kunsthauswien.com/de/uber-uns/feminist-projekt/

Das portraittheater und das Theater Drachengasse zeigen das Theaterstück „Arbeit, lebensnah“ über Leben und Werk der herausragenden Wissenschaftlerinnen Käthe Leichter und Marie Jahoda.
kostenfreier Stream 8. – 15. März 2021
youtube.com 

Anlässlich des Internationalen Frauentages legt auch die Österreichische Nationalbibliothek einen besonderen Fokus auf Autorinnen und bietet am 8. März zwei Online-Themenführungen im Literaturmuseum an. Die Teilnahme an beiden Terminen ist kostenlos. Die Anmeldung erfolgt über die Website der Österreichischen Nationalbibliothek.

Links
Footprint
Betreuung, Freiraum & Integration für Betroffene von Frauenhandel und Gewalt.
Wer den Verein unterstützen will, kann sich beispielsweise ein „Wunschpackerl“ schnüren lassen oder einen „Frühlingsgruß“ verschicken:
http://www.footprint.or.at/uber-uns/veranstaltungen/

Autonome Österreichische Frauenhäuser
www.aoef.at

Allianz gewaltfrei leben
http://www.gewaltfreileben.at/de/

Wiener Informationsstelle gegen Gewalt
https://www.interventionsstelle-wien.at/

Titelbild: Aufnahme vom Internationalen Frauentag 1947 © Tagblattarchiv Wienbibliothek im Rathaus

Geschrieben von Sandra Schäfer