Weltruhm erlangte Mark Twain – der eigentlich Samuel Langhorne Clemens hieß – vor allem durch seine Geschichten rund um die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn sowie seine humorvollen Reiseberichte quer durch Europa. Dass er dabei auch für 20 Monate seines Lebens in Wien Station machte, ist heute auch bei vielen Wienerinnen und Wienern in Vergessenheit geraten. Mit ein Grund für die Kulturfüchsin den verblassten Spuren des Schriftstellers zu folgen.

Ankunft und erste Eindrücke

Das erste Mal Fuß in die k.k. Reichshaupt- und Residenzstadt setzte der aus den amerikanischen Südstaaten stammenden Twain am 28. September 1897. Den Grund seines Besuchs lieferte die Musik. Genauer, die musikalischen Ambitionen seiner Tochter Clara. Diese hatte von dem bekannten Wiener Klavierlehrer Prof. Theodor Leschetizky gehört und wollte gerne Stunden bei ihm nehmen. Der Wiener Presse erklärte Twain jedoch, er sei nach Wien gekommen, um Stoff für Geschichten zu sammeln. Was sich in Folge als gar nicht so unrichtig herausstellte. Laut Twain-Biograph Carl Dolmetsch gehörte diese Monate in Wien zu den fruchtbarsten seit langem. Der Schriftsteller hatte vor seiner Ankunft in Wien eine Reihe von Schicksalsschlägen erdulden müssen. Sein Bankrott durch eine falsche Investition und der Tod seiner Tochter Susy hatten ihm schwer zugesetzt. Zudem plagten ihn als er in Wien eintraf heftige Gichtanfälle, was ihn dazu zwang die ersten Tage im Bett zu verbringen. Als Quartier hatte die Familie nach langem Suchen ein Zimmer im ehemaligen Hotel Métropole am Morzinplatz bezogen. Doch die Journalisten konnten es kaum erwarten den berühmten Gast zu interviewen und so empfing er die ersten bereits am 1. Oktober. Zu diesen gehörte auch der damals bekannte Wiener Humorist Eduard Pötzl, der dem Autor während seiner Zeit in der Habsburger-Metropole Wien zum Freund werden sollte.

Durch solche Kontakte standen Twain bald alle Türen offen. Bald bewegte er sich in Kunstkreisen ebenso wie in der Welt der hochwohlgeborenen Wiener Gesellschaft. Die Wiener Presse berichtete eifrig über alles, was er tat und wo er sich blicken ließ. Das rief den wohl schärfsten Zyniker jener Zeit, Karl Kraus, auf den Plan. In der dritten Ausgabe seiner legendär gewordenen „Fackel“ schrieb er gleich zu Beginn „Anwesend waren u.a. Mark Twain. Wo? Hier und dort.“ In Folge lässt er kein gutes Haar an der österreichischen Presse sowie auch an Twain, der den Hype, der um seine Person gemacht wurde, nur allzu gerne mitzuspielen schien. Ob der amerikanische Schriftsteller den Artikel gelesen hat, ist heute nicht mehr zu eruieren, aber es ist mehr als wahrscheinlich, denn die „Fackel“ war damals inaller Munde und Twain an dem Geschehen in der Stadt äußerst interessiert. So besuchte er bereits gute zwei Wochen nach seiner Ankunft – kaum dass sein Gichtanfall abgeklungen war – den Wiener Gemeinderat. Der erste in einer Reihe mehrere ereignisträchtiger Aufenthalte.

Zeuge beim Anfang vom Ende

Tatsächlich herrschten zu jener Zeit große politische Spannungen in der Residenzstadt. Am 28. November kam es im Zuge der „Badeni-Affäre“ sogar zur Auflösung des Reichsrates durch den Kaiser. Der Ministerpräsident Kasimir Graf Badeni hatte eigenmächtig drei Tage vor dem Amtsantritt des neuen Bürgermeisters, des christlich-sozialen Karl Luegers eine Sprachverordnung für Böhmen und Mähren erlassen, die u.a. vorsah, dass Richter, Anwälte und Beamte dort verpflichtet gewesen wären sich ausreichende Tschechisch-Kenntnisse anzueignen. Das zog ihm den Unmut der damals erstarkten Deutschnationalen rund um Ritter von Schönerer zu, die um die österreichische Vormachtstellung fürchteten. Es kam zu verbalen Schlachten im Reichsrat zwischen den unterschiedlichen Parteien, die erst mit der Auflösung des Reichsrates endeten. Die Lage war zwar vorerst beruhigt, aber das Ende des Vielvölkerstaates des Habsburgerreichs schien sich durch die unterschiedlichen Interessen der verschiedenen politischen Parteien und Völker bereits abzuzeichnen. Das erkannte auch Mark Twain, der einen längeren, im Ausland veröffentlichten Artikel mit dem Titel „Stirring Times in Austria“ über jene Vorkommnisse schrieb. Darin heißt es: „die Öffentlichkeit glaubt, daß die parlamentarische Regierung und die Verfassung von der Auslöschung bedroht sind und daß der Weiterbestand der Monarchie nicht absolut sicher ist.“ Carl Dolmetsch betrachtet die Wiener Bevölkerung eher als Kunstgriff, in der Twain vielmehr seine eigene Meinung zum Ausdruck bringt.

Mitten in der Weltgeschichte

Der Essay „Stirring Times in Austria“ ist nachzulesen im Sammelband „The Man That Corrupted Hadleyburg and Other Essays and Stories“, indem einige der Texte, die Twain während seines Wienaufenthaltes schrieb, zu finden sind. „The Man That Corrupted Hadleyburg“ selbst sowie einen wichtigen Teil seiner Autobiographie – „Early Days“ – schrieb er in seinem Sommersitz in Kaltenleutgeben, wo er aufgrund des schlechten Wetters sehr oft zu Hause verweilte (Noch heute erinnert eine Tafel an den längeren Aufenthalt des Schriftstellers). Nach Wien reiste er selten, unter anderem aber zum Begräbnis Kaiserin Elisabeths, die am 10. September 1898 von dem italienischen Anarchisten Luigi Lucheni erstochen worden war. Twain erfuhr die Nachricht von Gräfin Misa Wydenbruck-Esterhazy, die seine Nachbarin in Kaltenleutgeben war und zu der er rege Kontakte hielt. In einem Brief an seinen guten Freund Reverend Joseph Hopkins Twichell schreibt er: „Daß die persönliche Freundin der Gekrönten in der Abenddämmerung das Tor aufreißt und mit tränenreicher Stimme sagt `Main Gott, die Kaiserin wurde ermordet` und davoneilt, ehe wir eine Frage stellen können – dies bringt das ungeheuerliche Ereignis ins Haus, man wird zum Beteiligten, ist persönlich davon betroffen. Es ist so, als stürze dein Nachbar Anton herein und sagte, Cäsar wurde abgeschlachtet – das Haupt der Welt ist gefallen.“

Beim Begräbnis steht Twain auf dem Balkon des Hotel Krantz und schreibt unaufhaltsam Notizen. Diese finden später auch Eingang in den Essay „The Memorable Assassination“, der erstmals 1917 in dem Sammelband „What is Man“ erscheint. Twain soll tief entsetzt über die Tat gewesen sein und obwohl er wohl von den Schwächen der Kaiserin wusste, lobt er sie in höchsten Maßen. Freundliche Worte findet er auch für seinen Besuch beim Kaiser, der ihm zwei Tage vor seiner Abreise zu einer Privataudienz bittet. „Diese Audienz wird zu meinen schönsten Erinnerungen zählen“, so Twain im „Neuen Wiener Tagblatt“. Gerne sprach Twain, so Dolmetsch, auch darüber, dass er dem Kaiser empfohlen habe sich an den derzeit in Wien lebenden Erfinder Jan Szczepanik zu wenden und ihn zu bitten eine Maschine zu erfinden, die den Sauerstoff aus der Luft entferne. Man könne so über eine Maximalwaffe verfügen, durch deren drohenden Einsatz man den Weltfrieden erzwingen könne. Ob diese Geschichte wahr ist oder nicht – als Humorist neigte er wohl nicht selten zu Übertreibungen – wird wohl nie eindeutig zu klären sein. Aber der Weltfriede lag Twain tatsächlich am Herzen. Obwohl er skeptisch war, was den Erfolg anging unterstützte er die bekannte Österreichische Pazifistin Bertha von Suttner, in dem er eine Rede bei einer Versammlung ihrer „Österreichischen Gesellschaft der Friedensfreunde“ hielt.

Als Twain schließlich am 27. Mai Wien verließ waren viele Menschen gekommen um ihn am Franz Josef Bahnhof zu verabschieden. In seinen 20 Monaten in Wien hatte er regelmäßig das Burgtheater besucht, war ebenso Gast im Reichstag wie in diversen künstlerischen Salons gewesen, hatte eine Unzahl an Reden gehalten und war von der feinen Gesellschaft als heiß begehrte „Trophäe“ herumgereicht worden.

Quellen:
Carl Dolmetsch: ‘Unser berühmter Gast’. Mark Twain in Wien”. Übersetzt von Gunther Martin. Edition Atelier: Wien 1994. Karl Kraus: Die Fackel. Bd 1. Nr. 3. Wien 1899.
Karl Stiehl: Mark Twain in der Presse zur Zeit seines Aufenthaltes in Wien. Wien 1953.

Dieser Artikel stammt aus dem Archiv der Kulturfüchsin und wurde zum ersten Mal am 21. April 2010 zum 100. Todestag des Schriftstellers im Online-Magazin wieninternational veröffentlicht.

Geschrieben von Sandra Schäfer