Seit 1970 verfügt das kleine Dorf Asparn/Zaya im niederösterreichischen Weinviertel mit dem Urgeschichtemuseum MAMUZ über eine „Schausammlung“ der etwas anderen Art.
Originalgetreue Häuser-Nachbauten von der Steinzeit bis zu den Kelten machen die Vergangenheit hier zum Greifen nah. Ein Abenteuer, das sich auch die Kulturfüchsin keineswegs entgehen lassen wollte

Von Mammuts, Faustkeilen und dem Feuermachen

Wie wohnten unsere Vorfahren vor hunderten und tausenden von Jahren? Was aßen Sie? Und wie gestaltete sich ihr Arbeitsalltag? Fragestellungen, die sich heute anschaulich mit Hilfe der experimentellen Archäologie beantworten lassen. Eine Forschungsmethode, die in Österreich seit den achtziger Jahren auch im universitären Wissenschaftsbetrieb fest verankert ist. Ausgehend von historischen Texten, Bilddarstellungen und wissenschaftlichen Theorien überführen die Archäologen die aufgestellten Behauptungen mittels Experimente in die Praxis und überprüfen diese so auf ihre Glaubwürdigkeit. Die Palette der Einsatzmöglichkeiten ist vielfältig: Sie reicht von der Erforschung diverser urgeschichtlicher Verarbeitungsmethoden von Metallen, Steinen und Knochen bis hin zur Textilherstellung und zum Häuserbau mit originalgetreuen Nachbildungen historischer Werkzeuge.

Wenn es um die Wissensvermittlung in punkto experimenteller Archäologie in Österreichaber geht ist vor allem eine Adresse zu nennen: Das archäologische Freigelände in Asparn/Zaya. Die Anlage begeistert mit einem bunten Mix an Häusern diverser Epochen Jung und Alt. Zudem dient das Gelände seit 1982 auch als Ausbildungsstätte experimenteller Archäologie für die Universität Wien. Regelmäßig werden zudem für die Besucherinnen und Besucher des Geländes Führungen angeboten. Gemeinsam mit einem experimentellen Archäologen heißt es für neugierige Besuchergruppen zu einer Reise durch 40.000 Jahre menschlicher Zeitgeschichte – zurück zu den Ahnen – aufzubrechen. Jenen Menschen, die vor tausenden von Jahren hier der Natur erstmals ihren Stempel aufdrückten. Der Weg führt von den ersten Mammutjägern über frühe Sielungen der Stein- und Bronzezeit bis hin zu den Kelten. Alles Kulturen, die vor allem eines gemein haben: das Fehlen jeglicher Schrift. Denn diese kam hierzulande erst mit den Römern an.

Schon lange bevor die Römer in und um das heutige Wien ihre Häuser errichteten lebten hier Menschen. Sie waren Nomaden, die in den heimischen Wäldern auf die Jagd gingen. Allerdings standen damals statt Fasan und Hase noch Mammut, Rentier und Großhirsch auf der Speisekarte. Und statt Touristen strichen noch Höhlenbären in der Region umher.

Im Museum in Asparn kann man das provisorische Lager dieser frühen Überlebenskünstler betreten. Ein Lager, das in der Mitte aus einer Feuerstelle besteht, um die drei unterschiedliche Zelte angeordnet sind. Tatsächlich geht die Konstruktion der Feuerstelle auf einen 27.000-jährigen Fund zurück. Genau handelt es sich um eine Doppelfeuerstelle – während in der einen Grube das Feuer brutzelte, brachte man in der zweiten, gut abgedichteten, Wasser zum Kochen. Als Allzweck-Werkzeug fungierte der Faustkeil, der sowohl zum Schaben, Schneiden, Putzen uvm. verwendet werden konnte.

Von der Jung-Steinzeit zu den Kelten

Doch gemütlich machen kann man es sich hier nicht – es gibt noch viel zu sehen. Weiter geht die Reise vorbei an dem Nachbau einer 20.000-jährigen Jurte (Hüttenart) hin in Richtung Sesshaftigkeit. Hier gibt es bereits alles in unmittelbarer Nähe, was der Mensch zum Überleben braucht: Ein Feld mit verschiedenen Getreidesorten, ein Brunnen und Gehege für das Vieh. Zum Fällen der Bäume verwendete man Steinbeile – ein Stein mit einem handwerklich erzeugten Loch durch das ein Holzstab gesteckt wurde. Ein 7.000 Jahre altes Modell befindet sich im Innenbereich des Museums. Rund 40 Stunden benötigt man im Übrigen um mit einem steinzeitlichen Bohrer ein Loch in den Stein zu bohren.

Ein großer Evolutions-Schritt für die Menschheit, ein kleiner für die Besucherinnen und Besucher: von der Jungsteinzeit in der Bronzezeit einige tausend Jahre später sind es hier im Freilichtmuseum nur wenige Schritte. Wesentliches Merkmal der Bronzezeit – natürlich abgesehen davon, dass der Mensch bereits über Bronze verfügt – ist das Vorhandensein von Webstühlen. Während „Ötzi“ (der wohl hierzulande sensationellste Fund eines mumifizierten Menschen) als Bewohner der früheren Kupferzeit nur in Fell und Leder gekleidet war, verfügten seine Nachfahren bereits über Wolle. Irgendwann zwischen Bronze- und nachfolgender Metallzeit begann man diese dann auch zu färben. Die Kelten hatten als Bewohner der Eisenzeit mit der Kunst der Brettchenwebtechnik bereits eine Vielzahl an prachtvollen Bändern, Borten oder Zaumzeug für die Pferde zur Verfügung.

Noch mehr zu sehen

Tatsächlich waren die Kelten alles andere als jene Wilden, wie sie uns gerne im Zusammenhang mit Filmen rund um die Kultur der Römer dargestellt werden. Die rund 400 Stämme hielten rege Handelsbeziehungen zu den Griechen und Römern – bevor letztere das heutige Österreich teils friedlich, teils in Kampfhandlungen in ihr Reich eingliederten. Als Gott verehrten die Kelten unter anderem den mächtigen Cernunnos, der Gott der Natur und der Fruchtbarkeit. Eine kleine Sensation befindet sich hier im Museum: der Nachbau einer Kultstätte wie sie im niederösterreichischen Roseldorf gefunden wurde.
Und dann ist der Rundgang auch schon fast zu Ende. Zumindest im Freilichtgelände Asparn. Gerade in den letzten Jahren erfreuen sich archäologische Freilichtmuseen auch bei uns immer größerer Beliebtheit. In Österreich können sich Interessierte beispielsweise noch am Burgstallkogel in Großklein, am Heldenberg oder im Römerdorf Carnuntum einen Überblick über die getätigte Arbeit der experimentellen Archäologen in Form von diversen Häuserrekonstruktionen und Anlagen schaffen. In Asparn können Interessierte hingegen noch bis 21. November in der Sonderausstelung „Experimentelle Archäologie“ über außergewöhnliche Experimente renommierter Archäologinnen und Archäologen aus der ganzen Welt informieren.

Info:
NÖ Museum für Urgeschichte
Dr. Franz Hampl-Platz 1
2151 Asparn/Zaya
Tel: +43 2577/84180
Öffnungszeiten: bis 21. November, DI-SO 10:00 – 17:00 Uhr (an Feiertagen auch montags)
Letzter Einlass: 16:30 Uhr
www.urgeschichte.com

Draisinenbahn
Fahrt mit der Draisine von Ernstbrunn nach Asparn/Zaya
Wer vor oder nach der Museumstour noch die Landschaft des Weinviertels genießen will, dem sei eine Fahrt mit der ersten Draisinenbahn Niederösterreichs empfohlen. Rund zwei Stunden dauert die Fahrt auf 100 Jahre alten Gleisen am Rande des Naturparks Leiser Berge. Wer vom in die Pedale treten eine Pause benötigt hat die Möglichkeit sich auf der Draisinenalm Grafensulz die eine oder andere regionale Köstlichkeit zur Stärkung zu Leibe zu führen. www.erlebnisweltbahn.at

Geschrieben von Sandra Schäfer