Wanderer, kommst Du ins Waldviertel, dann vergiss nicht Deine Spuren im Oberen Kamptal zu hinterlassen. Eine Tour auf Schusters Rappen im 13 Kilometer langen Waldtal zwischen Roiten und Zwettl entlang des mit 153 Kilometer längsten Wasserweges im Waldviertel ist beste Seelenmassage. Stärkt sie doch Geist und Körper gleichermaßen. Wenn der frühere, zur Legende gewordene Werbeslogan der Österreich-Werbung: „Mit der Seele baumeln“ von der Fiktion zur Realität mutiert, dann muss wohl auch das Obere Kamptal die Textschöpfer inspiriert haben.

Bescheiden schmal, dafür rauschend, oft gurgelnd sucht sich der Kamp seinen mäanderförmigen Weg durch die archaischen, oft verwirrenden Felslabyrinthe. Der im Raum Roiten längst vom Bach zum Fluss erwachsen gewordene Kamp bahnt sich seinen Weg unbeirrt durch die ihm in Form von riesigen steinernen Findlingen und Granitplatten in den Weg gelegten natürlichen Hindernisse. Er bildet kleine Wasserfälle wie ebenso ruhige – in der Hitze des Hochsommers zum Abkühlen einladende – Buchten.

Märchenhaft-romantische Wanderwege

Es ist eine Landschaft, die wohl den Märchenideen der Brüder Grimm über das Idealbild eines kleinen Flusses und des ihn begleitenden Waldes entsprungen sein könnte und damit auch dem Abbild der Vorstellungen der Dichter des romantischen Zeitalters des 18. und 19. Jahrhunderts entspricht – kristallklares Wasser, von Flechten und Moosen gewissermaßen mit einer natürlichen grünen Haut überzogene Felsgiganten, die sich dem Lauf des Wassers – letztlich vergeblich – entgegenstemmen. Gerahmt von grünem „Tann“ der Fichten und da und dort noch der Tannen. Hänsel und Gretel lassen grüßen. Und der Wanderer ist nicht nur dabei, sondern mittendrin,

Unweit neben dem Kamp der Hohe Stein; seine Spitze – nomen est omen – als Felsnadel ausgeformt, rund hundert Meter über dem Kamp thronend. Ein steiler, einigermaßen den Atem raubender Weg führt zum Fuß des Felskolosses. Über eine Eisenleiter und einige aus demselben Material geformte Klammern lässt sich das Urgestein bezwingen. Wobei Schwindelfreiheit und Trittfestigkeit durchaus von Vorteil sind. Die kleine, aber feine Anstrengung macht sich jedenfalls bezahlt. Wohin der Blick sich auch wendet, lacht vom Gipfel des Hohen Steins – frei nach Grillparzer – dem Betrachter die Nerven beruhigende Unendlichkeit des Waldes entgegen.

Unterwegs zum Hundertwasser Domizil und zur Whisky-Brennerei

Doch der Obere Kamp bietet nicht nur ein einmaliges Naturschauspiel, sondern auch einige, nicht minder interessante Kultureinsprengsel. Wie u.a. das Dorfmuseum in Roiten und die uralte „Hahnsäge“, die dem bekannten Künstler Friedensreich Hundertwasser einige Jahr lang als einfaches häusliches Domizil und als schöpferischer Ort zahlreicher seiner Werke diente. Während seiner Aufenthalte in der drei Kilometer von Roiten entfernten Hahnsäge schuf er mehr als 40 seiner Bilder. Bedauerlicherweise nagt am einstigen Fluchtpunkt des Künstlers der Zahn der Zeit, was sich nicht zuletzt am optisch leicht verfallend wirkenden Zustand des Objektes manifestiert.

Der Schatz des Waldviertels, das weiße Gold Wasser, ist auch die Grundlage eines in den letzten Jahren auch am Oberen Kamp zu schmackhaften Ehren gekommenen Handwerks – der Whisky-Brennerei. Eine solche betreibt die Familie Rogner in Roiten. Rogners Whiskys sind in ihren unterschiedlichen Ausformungen schlichtweg eine Klasse, die den Vergleich mit schottischen, irischen und amerikanischen „Feuerwassern“ in keiner Weise zu scheuen braucht. Aber auch die anderen Destillate haben sich längst am Markt für „Hochprozentiges“ etabliert. Die Produktpalette reicht von verschiedenen Sorten Whisky über Obstbrände bis hin zu exklusiven Likören. Interessant ist vor allem, dass hier in einer der nördlichsten Regionen Österreichs bereits seit Jahren auch Rum und Gin beheimatet sind.
Nicht zuletzt auch deshalb ist das Obere Kamptal mehr als bloß eine Genussreise wert.

Hermann u. Elisabeth Rogner
Destillerie Rogner
Roiten 13
3911 Rappottenstein
Österreich
www.destillerie-rogner.at

Geschrieben von Stefan Weinbeisser