Der Debutroman von Andreas Johannes Schodterer heißt „tjanuk“ und ist eine Fantasy-Quest. Ein großartiger Trip, der eigene Erfahrungen sowie Themen aus Wissenschaft und sozialer Arbeit zu einer spannenden Story bündelt.

Johannes, „tjanuk“ ist dein literarisches Erstlingswerk. Worum geht es darin?

Die Geschichte erzählt von einer Reise. Put, ein Wesen aus einer gewaltfreien Künstlerwelt, begleitet eine Expedition. Aber auch andere Wesen und Personen aus verschiedenen Welten und Hintergründen sind unterwegs nach Xors – eine Parallelwelt der Erde. Eine Reisegemeinschaft bildet sich, um zu versuchen, die Zerstörung von Xors zu verhindern. Dadurch stellen sie sich aber auch gegen jene, die diese Zerstörung vorantreiben. Vor diesem Hintergrund stellen sich viele Fragen, wird verletzt und geheilt. Die Geschichte wird dadurch nicht zuletzt ein Reisebegleiter des Lesers, der Leserin, auf der Reise durch das eigene Leben. In ihr lässt sich die eigene Erfahrung, das eigene Erleben spiegeln, letztendlich erzählt die Geschichte von Wirksamkeit und Resilienz.

Unter Resilienz versteht man allgemein die Fähigkeit Extremsituationen durchzustehen. Um welche Extremsituationen geht es in deinem Buch. Wir haben es derzeit nicht nur mit Corona zu tun. Cybermobbing, übertriebener Körperkult oder eine Gesellschaft, die sich immer stärker am amerikanischen Modell des Kapitalismus zu orientieren scheint und in der Schlagworte wie „Working poor“ und „Burn-out“ weitere Themen sind. Gerade beim Burn-out wurde und wird immer wieder von einer „Modeerkrankung geschrieben.

Ich schrieb das Buch 2017 und ließ mich dabei von der Story selbst leiten; ich schrieb einfach drauf los und war selbst gespannt, wie die Geschichte enden wird. Dann folgten Jahre des Lernens. Ich musste mich damit auseinandersetzen, was Verlage sind, wie man ein Buch schreibt, musste die Geschichte selbst erst einmal analysieren, um zu verstehen, was da eigentlich entstanden war. Das Buch ist auch eine Auseinandersetzung mit Krisen und Philosophien, die mich zu jener Zeit beschäftigten. Da war sicher meine eigene überwundene Burn-out-Geschichte wichtig, aber auch all die anderen Burn-outs von Menschen, die mir begegnet sind. Ich sehe Resilienz und Burn-out nicht als Modewörter, sondern als beinharte Vokabel für Lebensrealitäten, in denen wir uns wiederfinden. Corona, Cybermobbing, Vereinnahmung durch Parteien und all die anderen Strömungen, in denen sich Menschen 2022 verlieren, beweisen nur, dass die Krise den Menschen begleitet. Die Frage nach den Umständen ist nicht zentral, es ist die Frage nach der persönlichen Haltung. Das Buch möchte hier hilfreiche Anhaltspunkte liefern.

Warum hast du dein erstes Buch im Fantasy-Genre angesiedelt?

Ich für meinen Teil könnte nie ein Fachbuch über Resilienz lesen, da ein Fachbuch einen gewissen Wissenschaftlichkeits- und Vollständigkeitsanspruch mit sich bringt, der mich von Vornherein in eine derart kritische Haltung versetzt, dass ich meist über das Lesen eines Inhaltsverzeichnisses nicht hinauskomme, weil mein Inneres dann schon die Notizen gemacht hat, was alles fehlt. Außerdem bin ich kein Wissenschaftler. Beim Geschichtenerzählen ist das ganz anders. Da stößt man Themen an, bringt Lösungsideen, bleibt zu einem guten Teil offen, die Arbeit geschieht vom Leser, von der Leserin selbst in ihm/in ihr und kann sich in jede Richtung entwickeln. Das Märchen oder das epische Geschehen ist eine recht offene (und altehrwürdige) Plattform, um leicht auf die Themen zu kommen.

Liest du selbst Science-Fiction-Literatur? Spontan fällt mir beispielsweise Stanislaw Lem ein …

Begonnen habe ich mit Perry Rodan und mich dann durch so einiges gelesen. An Lem kommt man nicht vorbei. Daher fand ich es auch eine große Herausforderung nicht völlig von der physikalischen Realität abzuheben, deshalb ist es zum Beispiel auch nicht möglich mit dem Raumschiff ORION II (das Schiff mit dem die Reisenden im Buch unterwegs sind, Anm. d. Red.) Überlichtgeschwindigkeit zu fliegen. Das Abtauchen in das Fremde, Neue, Unbekannte mag ich sehr. So gehört DUNE – der erste, also jetzt alte Film – zu meinen Lieblingsfilmen. Letztendlich aber bin ich beim großen Meister der Fantasy, Tolkien, gelandet. Der hat Bücher geschrieben, die man öfter lesen kann.

Science-Fiction- oder Fantasy-Romane beschäftigen sich immer auch mit den Fragen unserer Zeit, vermutlich sogar mehr als mit jenen der Zukunft. Ich denke beispielsweise an Ursula LeGuin, die sich in ihren Büchern explizit mit sozialen Fragen beschäftigt, sehr stark die Entwicklung der Figuren in den Vordergrund stellt und in verschiedenen Romanen diverse Gesellschaftsformen durchgespielt hat. Wie siehst du dieses Spannungsfeld zwischen dem Heute und dem (eventullen) Morgen?

Wir leben in diesem Spannungsfeld, ob wir wollen oder nicht. Kaum lebt man, will man/frau schon wohin. Kommen eigene Kinder auf die Welt, erweitert sich dieser Horizont in die Zukunft in einer tiefen, lebensverändernden Qualität. Auf der Basis des Jetzt und Wir machen wir den nächsten Schritt ins Ungewisse. Und da es keine einfachen Antworten gibt, spiele ich gerne mit Märchen als mögliche Projektionsflächen für Ideen, Vorstellungen und Wege.

Eine der Protagonisten in „Tjanuk“ ist eine Wissenschafterin? Frauen in der Technik, sind im Feminismus immer wieder Thema. Gerade die Naturwissenschaften sind nach wie vor sehr männlich geprägt. Brauchen wir in der Zukunft mehr Geschlechtergleichheit?

Natürlich! Auch mit diesen Fragen spielt das Buch und ich hoffe, etwas von meinem persönlichen Hintergrund hier auch aufgelöst zu haben, komme ich doch aus einer sehr männerdominierten Zeit, Nachkriegsgeneration, als Jüngster von vier Brüdern. In meiner Familie heute ist Wissenschaft weiblich. Die Geschichte spielt mit diesen Ideen, aber auch mit den im Zusammenhang stehenden Verletzungen. Für Sara, die Wissenschaftlerin und Soldatin aus unserer Zukunft, ist dies alles selbstverständlich, genauso wie für Simora, die Künstlerin. Andere wie Ira, Senja und Tarree sind dabei, sich zu behaupten. Najom kam unter die Räder und muss heilen. Sora muss erst begreifen, dass sie schon lange gesund an ihrem Platz steht. Da unterscheiden sich die Frauen nicht mehr von den Männern.

Du hast auf deiner Webseite auch Kurzgeschichten veröffentlicht. Welche Unterschiede beim Schreibprozess hast du bei der längeren Romanform bemerkt?

Ich habe mit Gedichten begonnen, dann begann ich mit dem Prozess Morgenseiten zu schreiben. So kam ich in den Fluss. Und dann, nach einem Abend mit Freunden kam mir die Idee – warum nicht. So habe ich begonnen und meine Abende mit dem Schreiben des Romans verbracht. Das war eine wunderbar gleichzeitig spannende und entspannende Tätigkeit, in der ich auch vieles, was mir so begegnete, verarbeitet habe.
Die kurzen Geschichten auf der Webseite finde ich anstrengender. Man muss sich ein Thema finden und das komprimiert sinnvoll bearbeiten. Schön beim Bloggen aber ist, dass man schnell Rückmeldungen bekommt.

Du selbst bezeichnest dich auf deiner Homepage als Christ. Auch heute werden Physiker noch vom Glauben an Gott bewegt, ganz abgesehen von früheren Zeiten. Johannes Kepler, war beispielsweise (protestantischer) Theologe. Wie sind dein Glaube und Science Fiction für dich miteinander vereinbar?

C.S. Lewis beweist diese Vereinbarkeit in seinen Romanen. Die Frage nach Gott ist eine höchst geisteswissenschaftliche und doch zutiefst persönliche. Gleichzeitig verschwimmen in ihr die Grenzen zwischen Wissen und Vertrauen, so wie in jeder Beziehung. Diese Aporien auflösen zu wollen, lässt die Frage nach einer persönlichen Beziehung zum Schöpfer zu primitiver Religiosität verkommen, auf die sich Machtgierige wie Aasgeier stürzen, um ihre Opfer zu reißen: Dort lässt sich nichts mehr miteinander vereinbaren. Die Geschichte aber ist ein Märchen, das Fragen aufwirft. Fragen, die einen weiterbringen sollen, sodass es leichter fällt, die Flügel auszubreiten, zu fliegen, so wie dies Gershwin in Summertime ausdrückt. Was eignet sich denn besser als eine Fantasie, um ein wenig hinter den Vorhang des Materiellen zu blicken?

Um einen anderen großen Science-Fiction-Autor zu zitieren: Arthur C. Clarke hat einmal gesagt: „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wir sind allein im Universum oder wir sind es nicht. Beides ist gleichermaßen erschreckend.“ Wie siehst du das beziehungsweise wie stehst du dazu?

Ich halte es da mit dem Harald Lesch und seinem Terra X: Wenn wir nicht alleine sind, werden wir es wohl nie erfahren: das Universum ist zu groß dafür und Überlichtgeschwindigkeit geht nicht. Als Christ aber meine ich, auf einer ganz anderen Ebene im Universum nicht alleine zu sein.

Im Pressetext steht, dass du auch im Musikbereich aktiv bist. In welcher Richtung?

Ich spiele Gitarre. Derzeit beschäftige ich mich mit Jazzstandards. Gerne bearbeite ich sie so, dass sie Freunden und Bekannten präsentiert werden können. Aber ich habe mich irgendwann entschieden Sozialarbeit zu studieren und nicht Gitarre – daher bleibt es bei der Gitarre im Privaten. Ein Projekt mit Gitarre und Computer ist auf der Webseite zu hören. Fürs Frühjahr bin ich eingeladen, eine Lesung zu begleiten.

Inwiefern hat dein Beruf als Sozialarbeiter Einfluss auf das Buch gehabt?

Mein Beruf hatte großen Einfluss auf das Buch. Krisen und deren Überwindung ist ja das eigentliche Thema. Aber auch Sprachen und Kulturen sind mir wichtig. Ein großes Thema im Buch ist das Hilfe anbieten, ohne einzugreifen. Eine Vorstellung von Rettung zu entwickeln, das Gegenüber aber nicht da hinein zu drängen und ihm Freiraum zu lassen, Selbstbestimmung zuzulassen, auch wenn man meint, dass der Freund Gefahr läuft, Schaden zu erleiden. Gleichzeitig auszuhalten, dass die eigene mit Fleiß erarbeitete Vorstellung von Rettung auch die völlig falsche sein kann.

Du beherrscht die Gebärdensprache, die du als deine zweite Muttersprache bezeichnest. Wenn du an die Gesellschaft der Zukunft denkst, welche Rolle spielt darin die Inklusion?

Mein Buch wirft sehr wohl diese Fragen auf: was ist Toleranz wirklich? Was verbindet uns eigentlich, was aber trennt? Ist Egozentrik und Machtgier auf Dauer erfolgreich? Was reizt uns so an der Möglichkeit der Selbstzerstörung? Welche Fähigkeiten bringen uns denn wirklich weiter? Kann und darf man auf Gewalt verzichten, oder muss man es? Jeder entscheidet diese Dinge für sich und bestimmt somit seine persönliche Zukunft. Die Menschheit wird dies für sich auch tun.

Arbeitest du schon an der nächsten Geschichte beziehungsweise am nächsten Buch und wird es in Zukunft auch Lesungen geben?

Derzeit ist ein Sachbuch in Arbeit, in dem es auch um das Thema Freiheit geht. Ideen für einen Folgeroman zu „tjanuk“ sind schon auf Papier. Ich bin allerdings völlig neu auf dem Feld, alleine die derzeitige Werbung für das Buch finde ich bereits eine große Herausforderung. Eine Lesung? Das wäre schon etwas!

Wir haben jetzt viel über „tjanuk“ gesprochen. Kannst du vielleicht noch kurz zum Abschluss für jene, die das Buch nicht gelesen haben, erklären, was dieses Wort bedeutet?

Um das zu erklären, bräuchte ich ziemlich genau 584 Seiten. Da kann man gleich das Buch lesen. Nur so viel: Es hat etwas mit dem Reifwerden zu tun. Dafür muss man die Reise durch die Geschichte wohl auf sich nehmen.

Zur Person:
Andreas Johannes Schodterer lebt in Salzburg und beschäftigt sich beruflich mit Sozialarbeit (Schwerpunkt Resilienz) und Dolmetschen. Dazu gehört auch die Österreichische Gebärdensprache. Der Familienvater spielt in seiner Freizeit gerne Gitarre. „tjanuk“ ist sein Debütroman, der als Taschenbuch, E-Book und Hörbuch (Auszug unter: https://www.youtube.com/watch?v=Ii01ZIHkzts erhältlich ist.

Geschrieben von Robert Fischer