Freunden des Wiener Liedes dürfte Kurt Girk ein Begriff sein. Der von den Medien oftmals als „Frank Sinatra von Ottakring“ titulierte Sänger verstarb im Februar 2019. Für das preisgekrönte Regieduo Rainer Frimmel und Tizza Covi hat er kurz vor seinem Tod umfangreiche Einblicke in sein Leben gegeben. In eindringlichen schwarz-weiß-Aufnahmen erzählt er von seiner Kindheit in Ottakring – von der Verhaftung durch die Gestapo und dem daraus resultierenden Selbstmordes ihres jüdischen Hausherren, weiteren Nazis und dem im Krieg abgetrennten Kopf eines Freundes – bis hin zu seiner angeblichen Beteiligung an einem Postraub, der ihn unschuldig mehrere Jahre ins Gefängnis brachte. Ein Schicksal, das Girk mit seinem Freund Alois Schmutzer teilte. Schmutzer – von der Polizei als eine Art König der Unterwelt wahrgenommen – fasste zehn Jahre aus und wurde in die gleiche Anstalt wie der Mörder seines Bruders eingeliefert. Für den Kleinkriminellen, der sich vor allem im damals illegalen Kartenspiel „Stoß“ einen Namen machte, pure Schikane der Polizei. Diese hatte es bereits seit Jahren auf den bärenstarken gelernten Fleischer abgesehen.

Qual(m)volle Erinnerungen an Justizwillkür und ein Fressen für den Boulevard

In „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ – eine Welt die es so laut Schmutzer nie gegeben hatte – erzählt er seine Version der Geschichte(n). Neben Weggefährten und Freunde wie Kurt Girk und Anton Österreicher- der gemeinsam mit Schmutzer in eine vom Boulevard medial ausgeschlachteten Schießerei verwickelt war – kommen auch ein ehemaliger Gefängniswärter, ein Rechtsanwalt sowie der Präsident der VKÖ (Vereinigung Kriminaldienst Österreich) Richard Benda zu Wort. Statt jedoch ein Sittenbild der damaligen Zeit zu zeichnen oder gar einer „Anthologie der Wiener Unterwelt“, so Frimmel und Covi, zu kreieren, erwartet die ZuschauerInnen vielmehr ein filmisches Portrait zweier Freunde – von den FilmemacherInnen liebevoll mit Kurti und Loisl angesprochen. Das schafft Nähe – trotz allem gelingt es Frimmel und Covi in den von Sympathie getragenen Interviewsituationen den nötigen Abstand zu wahren und überlässt es den Zuschauerinnen sich selbst ein Bild zu machen. Widersprüchliche Erzählungen, die vor allem dem Vergehen der Jahre sowie der unterschiedlichen Persönlichkeit der Protagonisten geschuldet sind, werden mit der Erinnerung anderer in Beziehung gesetzt. „Wir wollen dieses Milieu auf gar keinen Fall romantisieren oder mystifizieren. Wir werten nicht, wir lassen die Leute reden. Klarerweise stellt sich in so einem Zusammenhang immer die Frage nach der Wahrheit. In erzählten Erinnerungen ist das immer ein Problem. Jede Form erinnerter Geschichte wirft die Wahrheitsfrage auf. Wahrheit ist ein zentrales Thema, es geht uns aber auch um Geschichten, denn wir haben es mit Geschichtenerzählern zu tun“, so Frimmel.

Tatsächlich nimmt sich das Duo für die Erzählungen der beiden viel Zeit. Knapp zwei Stunden dauert der Film. Die langen (zumeist vom Zigarettenrauch begleiteten) Erzählsequenzen werden lediglich durch wenige Minuten Archivmaterial vom ORF sowie der Darbietung klassischer Wienerlieder mit Girk unterbrochen. In einer letzten Aufnahme sieht man Schmutzer und Girk gemeinsam „ihr Lied“ singen. Die Premiere des Films konnte Girk jedoch nicht mehr erleben. Seine Erinnerungen leben zumindest vorerst weiter, beschäftigen und regen zum Nachdenken an eine Zeit an, in der die Kinder noch auf der Straße spielten und die Polizeimethoden und die Haftbedingungen alles andere als menschenwürdig waren.

Aufzeichnungen aus der Unterwelt
Ein Film von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Mit Kurt Girk, Alois Schmutzer, Helene Martinez, Richard Benda, Anton Östreicher, Gunther Gahleitner, Peter Leitheim.Österreich 2020. 115 Minuten

Verleih: stadtkino: https://stadtkinowien.at/film/1246/
Kinostart: 10. September 2021

Termine Sommerkino:

DI, 3.8., 19.30 Uhr — VOLXkino UNTERGRUND am Meidlinger Platzl, 1120 Wien
Eintritt frei, Infos: volxkino.at
MO, 9.8., 20.30 Uhr — Kino am Dach, Urban-Loritz-Platz 2, 1070 Wien
Eintritt: EUR 10/9, Musik: Erstes Wiener Thromboseorchester— Infos: kinoamdach.at
SO, 15.8., tba — Hengl Haselbrunner Weingut und Buschenschank
Iglaseegasse 10, 1190 Wien — Eintritt frei — Infos: www.hengl-haselbrunner.at
SO, 29.8., 19.30 Uhr — Heuriger Maly, Sandgasse 8, 1190 Wien — Eintritt frei
Infos: www.heurigermaly.at
MI 8.9., 19.30 Uhr — KINOSTART-PREVIEW
VOLXkino UNTERGRUND am Karmelitermarkt, 1020 Wien — Eintritt frei
In Anwesenheit von Tizza Covi und Rainer Frimmel
Moderation: Norman Shetler (Stadtkino Filmverleih) Infos: volxkino.at

Titelbild: © Stadtkino Filmverleih

Geschrieben von Sandra Schäfer