Mit seinem variantenreichen Gitarrenspiel, der unverwechselbaren Stimme und dem Gespür für ehrliche, handgemachte Musik hat er sich längst einen festen Platz in der österreichischen Musikszene erspielt. Vor über zehn Jahren hat Norbert Schneider den Wechsel von erdigem Blues zum Dialekt-Pop inklusive Jazz, Soul und selbstverfassten Texten vollzogen und so einen ganz eigenen Sound entwickelt. Im Interview spricht Norbert Schneider über wichtige Phasen seiner Karriere, persönliche Vorbilder und kreative Prozesse beim Songwriting sowie darüber, was ihn auch nach vielen Jahren als Musiker noch antreibt.
2013 ist dein erstes Solo-Album „Schau Ma Mal“ mit Texten im Dialekt veröffentlicht worden. Dadurch hat deine Karriere nochmals einen neuen, kreativen Schub bekommen. Könnte man nachträglich betrachtet sagen, dass der Wechsel zu Texten im Dialekt für dich ein wesentlicher Baustein gewesen ist, um deinen eigenen Stil zu entwickeln?
Norbert Schneider: Auf jeden Fall! Damals war das natürlich rückblickend gesehen ein Sprung ins kalte Wasser, aber durch die Dialekt-Texte ist mir mein Publikum noch näher gerückt als früher. Am Beginn meiner Laufbahn als ich noch Blues gespielt habe, waren es vor allem reine Musik-Fans, die zu meinen Gigs gekommen sind. Aber durch die Lieder im Dialekt hat es dann begonnen, dass manche auch gar nicht so unbedingt wegen der Musik, sondern wegen der Texte, gekommen sind. Das gab es zuvor nicht. Durch diese Veränderung hat sich seitdem eine ganz intensive Beziehung zum Publikum entwickelt. Das ist vor allem daran zu merken, dass ich oft sehr persönliche und herzliche Nachrichten erhalte.


Ein weiterer wichtiger Meilenstein in deiner Karriere war das Album „Neuaufnahme“ von 2016, auf dem du Lieder von Georg Danzer neu interpretiert hast. Wie kam es dazu?
Norbert Schneider: Die Initiative kam damals von „Blacky“ Schwarz, Georg Danzer´s ehemaligen Manager. Wir haben uns einmal zufällig bei den Amadeus-Awards getroffen und er hat mich gefragt, ob mir vorstellen könnte, zum 70. Geburtstag von Georg Danzer ein Album mit Neu-Interpretationen zu produzieren. Die einzige Vorgabe war, dass ich musikalisch machen kann was ich möchte, nur der Text musste 1:1 gleich bleiben. Ich habe mir das dann durch den Kopf gehen lassen und beim nächsten Treffen hat mir „Blacky“ einen USB-Stick mit circa 1000 Liedern von Georg Danzer, darunter auch viele unveröffentlichte, übergeben. Zu Beginn habe ich natürlich schon so eine Art Ehrfurcht beziehungsweise Respekt davor gehabt, ob ich das überhaupt machen soll? Mir war klar, dass das Publikum, wenn es um Georg Danzer geht, auf so eine Veröffentlichung sicher hochemotional reagiert – da gibt´s ja jede Menge Fans.
Erst als ich dann ein Demo von „Ruaf mi ned au“ erstellt hatte, war ich sicher, dass die Idee von „Blacky“ mit den Neuinterpretationen funktionieren könnte. Das Demo hat definitiv anders als das Original geklungen, machte aber trotzdem Sinn. In dem Moment wusste ich: Ja, das traue ich mir zu und ich habe da auch was Eigenes dazu zu sagen! Es hat dann Monate gedauert, aus den vielen Liedern von Georg Danzer eine Auswahl zu treffen. Mit der Zeit haben sich aber gleich einige Favoriten aus diesem riesigen Pool herausgebildet. Wir haben damals mehrere Songs im Studio aufgenommen und daraus eine Auswahl getroffen, welche Tracks für das „Neuaufnahme“-Album am besten zusammen gepasst haben.
Dein letzte Dialekt-Album „Ollas Paletti‘“ (2023) ist aus meiner Sicht dein bestes Werk. Ist das darin begründet, dass du musikalisch und im Dialekt-Songwriting mittlerweile immer stärker zu deinem eigenen Stil gefunden hast?
Norbert Schneider: Das stimmt sicher, aber ich bin immer auch auf der Suche, wie ich meine Texte musikalisch mit anderen Genres verbinden kann, und habe da viele Ideen. Bei „Ollas Paletti“ war es so, dass ich sicher schon vor mittlerweile fünfzehn Jahren probiert habe, Gospel-Musik ins Deutsche zu bringen. Früher sind mir dazu aber keine Texte eingefallen.
Als es um dieses Album gegangen ist, gab da einige Schicksalsschläge in meinem Leben wie unter anderem, dass meine Eltern gestorben sind. Da habe ich es dann geschafft, Texte zu schreiben und mit Gospel-Musik zu verbinden. Ich hoffe, es ist mir gelungen, schwere Texte, in einer Musik, die nicht unbedingt nur schwer ist, zu verpacken
Wie bist du zur Gospel-Musik gekommen?
Norbert Schneider: Ich höre das privat sehr gerne. Aber eher keine Gospel-Chöre, sondern Gospel-Quartette, die quasi der Vorgänger zur Soul-Musik waren. Wie diese Musik damals entstanden ist, hat es in den USA tolle Gruppen wie beispielsweise die „The Dixie Hummingbirds“ oder „The Soul Stirrers“ gegeben. Das hat es mir sehr an getan und deshalb ist auf „Ollas Paletti“ auch bei fast allen Songs dieser mehrstimmige Gesang mit Alex Horstmann und Tini Kainrath zu hören.
Warum fiel deine Wahl gerade auf Tini Kainrath und Alex Horstmann?
Norbert Schneider: Meine Überlegung war, wen gibt es überhaupt bei uns, der Gospel singen kann aber auch Wienerisch richtig spricht? So bin ich relativ schnell auf Tini Kainrath gekommen. Ich dachte mir – die kann das sicher. Da ich zu ihr aber nicht so einen persönlichen Bezug hatte, wir waren nicht befreundet oder so, war es die größere Herausforderung, sie anzurufen. Ich habe ihr dann zwei Demos der Songs „Gospel Batterie“ und „I wü an was glaum“ geschickt, und sie schrieb sofort zurück: Ich bin dabei! Alex Horstmann kannte ich bereits von früher, und war überzeugt, dass er mir bei dem Projekt helfen kann. Es war ein Vorteil, dass ich bei „Ollas Paletti“ die Musik beziehungsweise die Arrangements der Gesänge selbst komponiert und aufgenommen habe, so hatten Tini und Alex als ich ihnen meine Demos geschickt habe, gleich einen guten Eindruck was auf sie zu kommt.
Zuletzt hast du im Dezember 2025 das Instrumental-Album „Guitar Speaks“ veröffentlicht, das bei Fans und im Streaming sehr erfolgreich ist. Warum glaubst du, ist gerade ein Instrumental-Album so beliebt?
Norbert Schneider: Das kann ich mir eigentlich selbst nicht so richtig erklären (schmunzelt). Ich habe halt meine Fans, die sich vielleicht Alben kaufen, nur weil mein Name oben steht beziehungsweise weil es sie interessiert, was ich alles so mache. Während der Corona-Pandemie habe ich 2020 das Instrumental-Album „Mondsüchtig“ veröffentlicht, aber „Guitar Speaks“ hat mittlerweile auf Spotify sechs Mal so viele Zugriffe wie der Vorgänger. Auf jeden Fall freut es mich wahnsinnig, das ist eine Bestätigung, dass man dem vertrauen, kann wonach einem künstlerisch gerade ist.


Wie ist „Guitar Speaks“ entstanden?
Norbert Schneider: 2025 war ich als Gast auf einem Album der Gruppe „Hinterberger Soatnmusi“ aus Bad Aussee zu hören. Kennengelernt habe ich die Jungs als sie einmal bei einem Konzert in Öblarn für mich Vorgruppe waren. Zuerst dachte ich die spielen Gypsy-Jazz, erst später habe ich gemerkt dass das eigentlich Volksmusikanten sind. Junge Burschen, alle mit Jazz-Ausbildung, die meisten haben in Graz studiert oder sind noch dabei. Das war total spannend für mich, einmal in diese Volksmusik-Szene hinein zu schnuppern beziehungsweise Leute kennen zu lernen, die sich genau so intensiv, wie ich das mit Blues- und Jazz betreibe, mit Volksmusik beschäftigen. Dadurch hat sich so eine Art Freundschaft ergeben. Sebastian Prachner, der Tontechniker, mit dem wir das Album aufgenommen haben, hat in Bad Goisern ein eigenes Studio.
Wie ging es dann weiter?
Norbert Schneider: Sebastian hat sich dann bei mir gemeldet, weil er jedes Jahr einen Künstler aussucht, dem er einen Studiotag in seinem Studio schenkt. Dieses Angebot habe ich gerne angenommen, und mir überlegt mit welchen Musikern ich da etwas ausprobieren könnte. Es war schnell klar, dass ich gerne ein swingendes, bluesiges Instrumentalalbum machen möchte. Bei Georg Buxhofer (Bass), Georg Schrattenholzer (Posaune), Max Tschida (Piano) aus meiner aktuellen Live-Band war ich sicher, dass sie für diese Aufnahmen gut passen würden. Nur bei Drummer Walter Sitz war ich zuerst etwas unsicher, ob er diesen Stil spielen kann, weil er eher von zeitgenössischem Jazz beziehungsweise Funk kommt. Um Walter noch eine besondere „Challenge“ zu stellen, habe ich mir gewünscht, dass er bei den Aufnahmen keine Sticks verwendet, also nur mit den Händen spielt. Er hat die Aufnahmen im Studio mit Bravour gemeistert. Das Ganze hat dann so gut funktioniert, dass ich nach dem ersten Aufnahmetag auf eigene Kosten gleich einen zweiten Tag dazu gebucht habe und mir dachte: ok dann machen wir gleich ein ganzes Album daraus! Die meisten Tracks waren schon nach den ersten beiden Takes im Kasten, manchmal hat es auch etwas länger gedauert.
Du hast bei Konzerten darüber gesprochen, dass man als Künstler oft unsicher ist, wie es musikalisch weiter geht. Was meinst du damit konkret?
Norbert Schneider: Ich habe jetzt gerade ein bisschen „Bammel“, weil ich schon am nächsten Album tüftle, das wieder ganz anders wird und ich noch nicht weiß, wie ich diese verschiedenen Einflüsse unter einen Hut bringen soll. Ich spiele schon seit Monaten zuhause nicht mehr Gitarre, sondern nur bei Konzerten, und arbeite im meinem Heimstudio viel mit dem Drum-Computer. Das nächste Album wird vom Sound her definitiv wieder anders sein, vielleicht wird es auf eine gewisse Art auch kommerzieller. Auf jeden Fall wird es den Leuten sicher wie eine totale Kehrtwendung vorkommen. Mehr will ich noch nicht verraten.
Reden wir über deinen Songwriting-Prozess. Hast du da eine bestimmte Technik beziehungsweise einen bestimmten Plan?
Norbert Schneider: Wenn ich in der Phase des Songwritings bin, geht es rund um die Uhr nur mehr darum. Da muss ich auch kurz Abstand zu meiner Familie halten und komplett ungestört sein. Darum bin ich im Februar für eine Woche nach Triest gefahren. Jetzt im Moment ist es so, dass ich schon sehr viel Musik habe, die sich in den letzten Wochen und Monaten angesammelt hat, es geht jetzt eher um die Texte. Für das Verfassen von Texte muss ich eine Zeit lang nur in meiner eigenen Welt bleiben und darf nicht herausgerissen werden. Die Anforderungen an mich einen Live-Gig zu spielen oder einen Song zu schreiben sind komplett unterschiedlich. Für´s Lieder scheiben muss ich mich selbst in eine angreifbare, verletzliche Rolle bringen, damit der Schreibprozess starten kann.
Ich beschäftige mich beim Songschreiben mit ganz persönlichen Themen. Da geht man durch Phasen hindurch, wo man Situationen wieder abruft, wo man eigentlich dachte, die habe ich schon bewältigt. Aber um darüber zu schreiben, muss ich mich nochmal zurück in die Vergangenheit hinein begeben und da herumkramen. Das kann teilweise sehr schmerzhaft sein. Im Nachhinein finde ich es dann aber jedes Mal sehr schön, dass ich durch das Liederschreiben diese Möglichkeit überhaupt habe! Andere Menschen gehen vielleicht zum Psychotherapeuten, um vergangene Ereignisse aufzuarbeiten – ich kann wichtige Themen in Songs verarbeiten.
Also ist Songschreiben so eine Art Therapie für dich?
Norbert Schneider: Jeder Song von mir ist autobiografisch. Vielleicht nicht immer zu hundert Prozent aber irgendein Stück aus meinem Leben steckt immer drinnen. Mit dem was ich selbst erlebt habe, komme ich beim Schreiben am besten voran, da kann mir keiner was vormachen. Wahrscheinlich ist das auch ein Grund, warum ich mir beim Verfassen von sozialkritischen Songs eher schwer tue. Sich bei einem Thema, das man nicht so gut persönlich kennt, einzufühlen ist nicht so leicht und ich will bei solchen Themen auch auf keinen Fall quasi mit dem erhobenen Zeigefinger arbeiten. Ein seltener Fall, wo mir das meiner Meinung nach gut gelungen ist, ist das Lied „Plotz für mi“ vom Album „So wie´s is“, wo es um das Thema Obdachlosigkeit geht.
Ich habe den Eindruck dein ganzes Leben dreht sich eigentlich nur um die Musik. Hast du trotzdem manchmal Momente, wo du abschaltest und keine Musik mehr hören möchtest?
Norbert Schneider: Ich habe keine Hobbies. Ich habe einen Beruf, der mich ausfüllt, wozu brauche ich dann Hobbies (schmunzelt)? Klar gibt´s diese Momente, wo ich keine Lust auf Musik habe. Das brauche ich auch oft, diese Ruhe, damit etwas Neues entstehen kann. In solchen Momenten höre ich dann bewusst keine Musik zum Beispiel im Auto. Eine Autofahrt ohne Musik kann sehr reinigend sein. Witzigerweise kommen mir oft Ideen in der Bewegung, beim Spazieren oder beim Laufen. Wichtig ist das Hirn auszulüften und eben zum Beispiel beim Laufen keine „Earpods“ mit zu nehmen. Sobald ich mich bewege, kommen mir meistens irgendwelche Ideen.
Bei deinen Live-Konzerten hast du dich in den letzten Jahren zu einem versierten Live-Performer entwickelt. Man hat das Gefühl du hast sowohl deine tolle Live-Band als auch das Publikum bei den Konzerten perfekt im Griff. Hast du als Performer beziehingsweise Frontman bestimmte Vorbilder?
Norbert Schneider: Da gab es viele Vorbilder, die ich dann ein paar Jahre intensiv bearbeitet habe und dann wieder was anderes gemacht habe. Dadurch ist dann irgendwann diese Bühnenperson entstanden die ich jetzt bin. Ein ganz wichtiger Einfluss war für mich Prince, an dem ich mich orientiert habe. Da werde ich natürlich nie ganz heranreichen, aber um das geht es ja gar nicht. Prince hat es aber geschafft, in der Früh einen Song zu schreiben, ihn zu Mittag aufzunehmen und am Abend noch ein Konzert zu spielen. Das schaffe ich leider noch nicht (schmunzeln)! Ich würde das aber wahnsinnig gerne genauso machen, dann könnte ich pro Jahr zwei Alben veröffentlichen!
Vielen Dank für das Gespräch!

Norbert Schneider Live:
07.05.26 Perchtolsdorf, Neuer Burgsaal
25.07.26 Wien, Theater im Park
02.08.2026 Nürnberg, Bardentreffen
08.08.26 Aalen, Galgenberg Festival
03.10.26 Ternitz, Stadthalle
07.11.26 Tulln, Danubium
© Georg Buxhofer
Titelbild: Norbert Schneider © Stefanos Notopoulos

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