Philip, wir haben uns vor kurzem bei deinem Konzert in Wiener Rhiz kennengelernt, wo du als Support Act für Freischwimma auf der Bühne warst. Was verbindest du allgemein mit Wien? Warst du schon öfter in der Stadt?

Es war tatsächlich erst mein zweiter Ausflug nach Wien – das erste Mal war ich vor ein paar Jahren mit meiner Frau hier. Wir wollten Urlaub machen, nur hatte dummerweise das Hotel unsere Buchung vergeigt. Weil irgendeine Messe war gab es in der ganzen Stadt kein Bett mehr, und so beschlossen wir, alles, was wir in der Tasche hatten, dem Casino anzuvertrauen. Eigentlich kein schlechter Abend.

Bitte erzähle etwas über die Aufnahmen zu deiner aktuellen CD „Die Bar der guten Hoffnung“?

Die Aufnahmen fanden zum Jahreswechsel 2020/21 statt, also mitten im größten Lockdown. Wir haben uns zwei Wochen in den „Yeah! Yeah! Yeah!“- Studios in Hamburg verbarrikadiert und das Studio mit seiner wunderbaren Analogtechnik als zusätzliches Instrument benutzt. Mit Dennis Rux, dem Produzenten und Inhaber des Studios, verbindet mich eine lange Freundschaft, und wir hatten schon lange davon gesprochen, uns mal mehr Zeit als drei, vier Tage für ein Album zu nehmen – zumindest das hat die Pandemie also gewissermaßen möglich gemacht.

Hat das aktuelle Album ein bestimmtes Thema, das sich durch alle Songs durchzieht?

Es war mir durchaus wichtig, das Thema Hoffnung an vielen Stellen wiederkehren zu lassen. Nicht nur als Botschaft, sondern vor allem auch für mich selbst. Hätte ich nur über die Einsamkeit, Isolation und Frustration geschrieben, die damals über allem hing, wäre ich mit dem Album wohl nicht glücklich geworden. Aber hey, die Zeiten sind nicht besser geworden, ich kann also meinen Hang zur Melancholie immer noch auf die nächste Platte verschieben.

Du bist auch Mitglied in der Alternative-Country-Band „The Dinosaur Truckers“, die bereits zwei Alben veröffentlicht haben. Ist die Band noch aktiv beziehungsweise warum hast du dich für eine Solo-Karriere entschieden?

Wir haben uns nie wirklich aufgelöst, sind aber seit Jahren beeindruckend inaktiv. Als wir aufhörten zu touren, habe ich zunächst solo weitergemacht, weil ich schlicht und einfach noch nicht bereit war, die Gitarre an den Nagel zu hängen. Mit der Zeit allerdings habe ich eine Stimme gefunden, die ich im Bandgefüge wohl nie gefunden hätte – nicht, weil mich irgendwer an irgendetwas gehindert hätte. Sondern vielmehr, weil man eben fast schon gespenstisch viel Zeit mit sich selbst verbringt.

Was ist eigentlich der Grund dafür, warum die Songs auf deinen ersten Soloalben auf Englisch sind, und du auf „Die Bar der guten Hoffnung“ deutsch singst?

Einen wirklichen Grund gibt es nicht. Mit meiner vorherigen Band hatte sich die Frage nie gestellt, wir haben englisch angefangen und waren dann ziemlich bald auch international auf Tour. Solo bin ich dann zunächst dabei geblieben. Irgendwann fielen mir so ziemlich aus dem Nichts fast alle Strophen von „Jesus von Haidhausen“ (Albumtitel und ein Song der Solo-CD von 2020, Anm.) in Finnland auf dem Rücksitz eines Autos auf dem Weg zu einem Konzert ein. Ich kann das nicht genau erklären, aber irgendwie hat das damals vom Feeling zum ersten Mal gepasst. Die Songs für das zugehörige Album kamen dann auch ziemlich schnell zusammen, und seitdem habe ich nicht mehr auf Englisch getextet.

Hast du auf dem neuen Album einen Lieblingssong? Kannst du etwas darüber erzählen?

Schwierig. Wenn ich mir einen aussuchen muss, dann „Winter“, einfach weil der den ganzen Schreibprozess für die Platte angestoßen hat.

Was macht einen guten Song aus?

Mir gefällt zwischen großem melodiösem Pomp und weirdem Folk wirklich sehr viel, von daher hab ich keine Rezeptur anzubieten. Im besten Fall löst ein guter Song etwas aus, von dem man nicht wusste, dass es da war.

Beim deinem Gig im Wiener Rhiz hat mich auch dein tolles Gitarrenspiel sehr beeindruckt, das über die drei Akkorde des typischen Singer/Songwriters weit hinausgeht. Was waren für dein Gitarrenspiel die wichtigsten Einflüsse?

Da mich die Gitarre schon weitaus länger begleitet als das Songwriting, ist die Liste lang. Um ein paar zu nennen: Definitiv Duane Allman, außerdem an der Akustikgitarre Tony Rice, und in für mich fernen Welten schwebend Nels Cline und Django Reinhardt.

Wer sind deine musikalischen Vorbilder?

Wieder eine lange Liste – ich schätze, es wird niemandem mehr gelingen, Bob Dylan vom Thron zu stoßen. Außerdem Neil Young, Jackson Browne… Ich liebe Miles Davis, Thelonious Monk, Chet Baker. Von denen kann man mehr übers Gitarre spielen lernen als von allen Gniedelgöttern dieser Welt, sorry Mr. Satriani. Dazu Jeff Tweedy, Chuck Prophet. Courtney Barnett halte ich ebenfalls für eine der größten Schreiberinnen unserer Zeit. Wie gesagt, die Liste ist lang und endlos.

Die Covid19-Pandemie hat vieles verändert, auch im Kulturbereich. Es ist zu beobachten, dass seit der Pandemie weit weniger Menschen als früher zu Kulturveranstaltungen, also in Konzerte, ins Theater oder Kabarett, gehen. Siehst du das auch so beziehungsweise wie könnte man dieser Entwicklung gegensteuern?

Zur Zeit muss man das leider einfach aushalten. Zu meinen Konzerten kommen wenn’s gut läuft die Hälfte der Leute von Prä-Covid, und wenn ich mit Veranstaltern spreche, erzählen die mir von ähnlichen Erfahrungen. Ich habe mich lange dagegen gewehrt, schwarz zu malen oder zu jammern, nur: wenn die Notlage von Subkultur (in allen Bereichen) nicht öffentlich wahrgenommen wird, dann wird es eben auch nicht besser werden.

Du hast das Buch „How to write one song“, dem Kopf der Band Wilco Jeff Tweedy ins Deutsche übersetzt. Wie kam es dazu? Was schätzt du an Jeff Tweedy beziehungsweise Wilco besonders?

Ich durfte hinterher mit ihm für den deutschen „Rolling Stone“ sprechen, was eine sehr spaßige Angelegenheit war. Jeff Tweedy ist einfach ein meisterhafter Songschreiber. Arg viele von diesem Format laufen nicht herum. Und als Band, live wie im Studio, wird es ebenfalls schwer, Wilco zu überschätzen.

Wo hat dein erster Gig überhaupt stattgefunden? Welche Erinnerungen hast du noch daran?

Wie bei allen: In meiner Stammkneipe in meiner Heimatstadt. Lebhafte Erinnerungen habe ich daran ehrlich gesagt nicht.

Welche drei Alben würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

Miles Davis – “Kind of Blue” / Bob Dylan – “Blonde On Blonde” / Allman Brothers – “Eat A Peach”. Frag mich morgen nochmal, und die Liste sieht vollkommen anders aus.

Wie lauten deine Zukunftspläne?

Weitermachen bis die ganze Sache auffliegt (schmunzelt).

Danke für das Gespräch!

„Die Bar der guten Hoffnung“ (Trikont, 2021)
Jeff Tweedy – „Wie schreibe ich einen Song“ -übersetzt von Philip Bradatsch- (160 Seiten, Heyne Verlag, 2022

Zur Person: 
Mit seiner Alternative-Country-Formation „The Dinosaur Truckers" veröffentlichte Philip Bradatsch die beiden Alben „Down This Road“ (2009) und „The Dinosaur Truckers“ (2012), bevor 2014 eine Pause auf unbestimmte Zeit vereinbart wurde. So entschloss sich der 1985 geborene Musiker, ein Jahr später sein Solo-Album „When I’m Cruel“ herauszubringen, eine Folkplatte mit Referenzen zu Townes van Zandt und Guy Clark. 2018 später erschien der Nachfolger „Ghost On A String“, ein Album im Americana-Ambiente und sein erstes für das Müncher Trikont-Label. Mit seiner Begleitband, den Cola Rum Boys, bestehend aus Schlagzeuger Tobias Hieber, Keyboarder Florian Ernszt und Bassist Wolfgang Dinter ging es auf Tour und dann ins Studio, um die erste Scheibe in deutscher Sprache, das letztes Jahr veröffentlichte „Jesus von Haidhausen“, aufzunehmen. 2021 erschien ein weiteres Album „Die Bar der guten Hoffnung“, wieder bei Trikont. 2022 hat Bradatsch das Buch „How to write one song“ von Wilco-Bandchef Jeff Tweedy ins Deutsche übersetzt. www.philipbradatsch.com

Geschrieben von Robert Fischer