Es hätte nur ein kleiner Auftrag werden sollen: Die Übergabe eines Koffers an einen Unbekannten. Doch statt wie angenommen zur „Teatime“ wieder zurück, beginnt für Edgar aka Mr. E. nach dem Verlust seines Aktenkoffers eine abenteuerliche Reise. Vom rüttelnden Zugabteil in den Bauch eines Wals bis zum Ministerium für Jubel führt die Jagd nach dem vermeintlichen Dieb. Den Kontakt nach Hause hält der Vater zweier Kinder mit Briefen aufrecht. Doch wie lange werden sich diese von den darin beschriebenen abenteuerlichen Geschichten noch täuschen lassen? Edgar hat ein Geheimnis: er sitzt im Gefängnis.

Angesiedelt zwischen Film Noir, sozialem Realismus und „Kitchen Sink Drama“ (eine in England populäre Bewegung in Film und Theater über die schmutzige Aspekte häuslicher Realität) der 1940er bis 1960er Jahre erzählt die britische Theatergruppe „1927“ optisch eindrucksvoll die Geschichte einer Familie, die sich mit der Situation des abwesenden Vaters zurechtfinden muss. Während dieser hinter Gittern sitzt, hält die Mutter zu Hause als Ersatz für sportliche Sohn-Vater-Aktivitäten, Ernährerin und Fürsorgerin sowie Kontaktperson der zuständigen sozialen Behörden die Stellung. Als vermeintliche Vertreterin des Sozialamtes erscheint eine „Freundin“ mit geschmacklosen Keksen regelmäßig „vor“ der Bildfläche. Häuser, Innenräume, Schule und Orte der fantastischen Handlung werden allesamt in Form von animierten Filmszenen auf die Bühne projiziert. Das verleiht dem Stück nicht nur seinen besonderen Look, sondern ermöglicht außerdem einen schnellen Wechsel der Szenen vom im realen Umfeld der Familie angesiedelten Alltag (Wasser, das von der Wäscheleine tropft, Blätter, die sich im Wind bewegen lenken das Auge auf Details) mitten hinein in eine Landschaft des Fantastischen.
In diese vom Vater geschaffene Fantasiewelt flüchtet sich die 13-jährige Kim durch das Lesen seiner Briefe. Die darin vorkommenden sprechende Löwen und säbelrasselnde Piraten werden ebenso auf die Bühne projiziert wie Davey, der kleine Bruder von Kim, der lediglich in gezeichneter Form, als zum Leben erweckte Animation zu sehen ist.

„Mehr als alles auf der Welt“ ist ein visuell ansprechendes Theatererlebnis für alle Altersgruppen (von acht bis 108 Jahren – wie es im Programmheft heißt), das kurzweilig zu unterhalten versteht, dabei jedoch keineswegs auf Tiefe verzichtet. Im Mittelpunkt des Stücks steht die Frage, inwieweit das Geschichtenerzählen ein Weg sein kann, belastende Dinge zu verarbeiten, aber auch Themen wie Schul- und Strafjustizsystem werden unterschwellig thematisiert. „Easy peasy Lemon squeezy“ wie der von Mr. E. angenommene Auftrag eigentlich sein hätte sollte, gestaltet sich das Leben eben selten. Seit ihrem Durchbruch an der „Komischen Oper Berlin“ mit Mozarts „Die Zauberflöte“ hat das Theaterkollektiv „1927“ – Paul Barritt (Animation und Bühne), Suzanne Andrade (Text und Regie) und Esme Appleton (Co-Regie) – mit ihren Produktionen mehr als eine Million Menschen jeden Alters auf sechs Kontinenten begeistert. Noch bis Ende November ist „Mehr als alles auf der Welt“ im Akademietheater zu sehen.

Mehr als alles auf der Welt
Mit Isabella Knöll, Alexandra Henkel, Andrea Wenzl, Stefanie Dvorak und Markus Meyer
Termine: 30. Oktober (17.00 Uhr), 7. November (20.00 Uhr), 16. November (10.30 Uhr), 23. November (20.00 Uhr) sowie 27. November (11.00 Uhr)
Akademietheater
Lisztstraße 1, 1030 Wien
www.burgtheater.at

Titelbild: Bühnenfoto „Mehr als alles auf der Welt“ Markus Meyer © Susanne Hassler-Smith

Geschrieben von Sandra Schäfer